Zusammenfassung – Angesichts der Verbreitung von SaaS-Lösungen, Legacy-Systemen und Cloud-Umgebungen entwickelt sich das hybride Informationssystem zu einem Labyrinth, das Innovationen bremst und Daten gefährdet. Die Urbanisierungsmethode gliedert es in die Schichten Fach, Funktional, Applikation und Infrastruktur: Prozess- und Flow-Kartierung, Applikationsrationalisierung, zentrale Orchestrierung und CI/CD-Pipelines, Steuerung über KPIs. Dieser agile Ansatz schafft eine gemeinsame Sicht, sichert den Datenaustausch und beschleunigt Weiterentwicklungen.
Lösung → Schichtenaudit → gezielte Kartierung → iterative Roadmap
Je mehr Unternehmen SaaS-Lösungen, Altsysteme und Cloud-Bausteine anhäufen, desto mehr verwandelt sich ihr Informationssystem in ein nur schwer überschaubares Labyrinth. Diese Komplexität, die nach Jahren des Wachstums und opportunistischen Entscheidungen oft unvermeidbar ist, verlangsamt letztlich Innovationen, schwächt die Datenbasis und untergräbt die Governance.
Die Urbanisierung des IS schlägt eine pragmatische Antwort vor: Die vier zentralen Schichten – Fachliche, Funktionale, Applikative und Infrastruktur – schrittweise zu strukturieren, ohne bei Null anzufangen. Durch die Kartierung von Datenflüssen, Referenzdaten und Schnittstellen stellt man eine gemeinsame Sichtweise wieder her, sichert den Austausch und erleichtert eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Anstatt ein Projekt nur für Großkonzerne darzustellen, versteht sich dieser Ansatz als agiles Management eines hybriden IS mit dauerhafter Perspektive.
Geschäftsebene: Das funktionale Fundament klären
Die Geschäftsebene bildet die strategischen Prozesse und zentralen Referenzdaten ab. Sie stimmt die fachlichen Anforderungen mit den Unternehmenszielen ab, um Kohärenz und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.
Erfassen und Modellieren kritischer Prozesse
Bevor technische Maßnahmen ergriffen werden, ist es unerlässlich, die Geschäftsabläufe zu dokumentieren: Einkauf, Verkauf, Lagerverwaltung oder Kundenbeziehung. Diese Modellierung bringt die wichtigsten Interaktionen zwischen Einheiten, Entscheidungsebenen und vorhandenen Tools ans Licht. Indem man Prozesse mit hohem Mehrwert identifiziert, legt das Unternehmen die Basis für eine effektive Governance, die operative Herausforderungen mit der Gesamtstrategie verknüpft.
Die Prozesslandkarte deckt zudem Doppelarbeiten, manuelle Datenerfassungen und Bruchstellen auf. Durch Priorisierung dieser Dysfunktionen entsteht ein gezielter Maßnahmenplan. Der Ansatz basiert auf kollaborativen Workshops zwischen Fachbereichen, IT-Abteilung und Digitalverantwortlichen, um jeden Datenfluss und jedes Referenzmodell abzusichern.
Die Formalisierung erfolgt mit einfachen Werkzeugen (BPMN-Diagramme, RACI-Matrizen), um die bereichsübergreifende Verständlichkeit zu fördern. Diese Ergebnisse dienen als gemeinsame Referenzpunkte, minimieren unterschiedliche Interpretationen und schaffen eine gemeinsame Basis für die weitere Urbanisierung.
Governance und Geschäftssteuerung
Ein transversaler Lenkungsausschuss garantiert die Abwägung zwischen fachlichen Prioritäten und technischen Rahmenbedingungen. Dieser Ausschuss vereint IT-Abteilung, Fachverantwortliche, Finanzbereich und Geschäftsführung, um Änderungen auf der Geschäftsebene zu validieren. Er achtet auf die Konsistenz funktionaler Entscheidungen und die kontinuierliche Aktualisierung der Prozesslandkarte.
Geschäftsleistungskennzahlen (KPIs) begleiten die Prozesse: Bearbeitungsdauer, Fehlerrate, Datenverfügbarkeit. Sie messen den Einfluss von Urbanisierungsmaßnahmen und erlauben eine Echtzeitanpassung der Zielrichtung. Dieser Ansatz schafft eine Feedback-Schleife zwischen Fachbereich und IT.
Die iterative Vorgehensweise fördert schnelle Erfolge: Optimierung eines zu langen Rechnungsprozesses, Automatisierung eines Freigabeschritts oder Konsolidierung eines zentralen Kundendatenmanagements (Master Data Management, MDM). Jede Verbesserung stärkt das Vertrauen der Fachbereiche in das Gesamtvorhaben.
Beispiel aus dem Finanzbereich
Eine Bank, die mit einer Zersplitterung ihrer Benutzerstammdaten für das Zugangsmanagement konfrontiert war, begann mit einer umfassenden Geschäftsprozess-Kartierung. Sie stellte fest, dass fünf verschiedene Anwendungen gleichzeitig den gleichen Funktionsbereich versorgten, was Inkonsistenzen und wöchentliche manuelle Abgleiche zur Folge hatte.
Durch die Einrichtung eines zentralen Identitäts-MDM und die Definition eines einheitlichen Validierungsprozesses konnte die Bank ihre Synchronisations- und Korrekturaufwände um 80 % reduzieren. Dieses Beispiel zeigt, dass eine beherrschte Geschäftsebene Transparenz schafft, Reibungspunkte senkt und Ressourcen für wertschöpfende Projekte freisetzt.
Der Erfolg dieses Vorhabens beruht auf der gemeinsamen Einbindung von Fachbereichen und IT-Abteilung von Anfang an sowie auf der Einführung eines einfachen, transparenten KPI-gesteuerten Managements.
Funktionale Schicht: Flüsse und Regeln orchestrieren
Die funktionale Schicht beschreibt den Datenaustausch und die Geschäftsregeln. Sie rationalisiert die Flüsse, um Punkt-zu-Punkt-Schnittstellen zu reduzieren und Anwendungssilos zu vermeiden.
Datenflüsse kartografieren
Jede Anwendung kommuniziert über Schnittstellen: APIs, CSV-Dateien, asynchrone Nachrichten oder Stapelverarbeitung. Die Dokumentation dieser Austauschwege zeigt die Vielzahl von Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, die oft zu einem Verlust der Nachvollziehbarkeit führen. Eine Flusskartografie visualisiert die tatsächliche Topologie des Datenaustauschs und deckt kritische Pfade auf.
Dieses Gesamtbild macht Engpässe und versteckte Abhängigkeiten zwischen Systemen sichtbar. Es bildet die Grundlage für die Definition einer Datenbus-Architektur oder eines Middleware-Systems, das die Kommunikation zentralisiert. Das Ergebnis: weniger Nebenwirkungen bei Updates und eine deutliche Reduzierung der Schnittstellenschulden.
Das Flussschema, annotiert mit Volumen und Austauschfrequenz, wird zu einem Governance-Referenzdokument. Es unterstützt bei Weiterentwicklungen, um die Auswirkungen eines neuen Moduls oder einer funktionalen Überarbeitung einzuschätzen, bevor überhaupt Code verändert wird.
Geschäftsregeln und Orchestrierungen definieren
Über den reinen Datentransfer hinaus integriert die funktionale Schicht Geschäftsregeln: Preisberechnungen, Validierungsfolgen oder bedingtes Routing. Die Zentralisierung dieser Regeln in einer BPM-Plattform oder einem externen Regelwerk-Engine verhindert die Duplizierung in jeder Anwendung.
Eine konsistente Orchestrierung stellt sicher, dass jedes Geschäftsevent die korrekte Aktionssequenz auslöst – sei es ein Kundenauftrag, ein Fertigungsauftrag oder eine Wartungsbenachrichtigung. Die Workflows werden transparent, nachvollziehbar und lassen sich ändern, ohne den Anwendungskern anzupassen.
Diese funktionale Modularität ermöglicht es, jede Regel unabhängig zu testen und Anpassungen bei regulatorischen Änderungen oder Nutzerfeedback schnell bereitzustellen.
Beispiel aus dem E-Commerce
Ein E-Commerce-Unternehmen verwaltete seine Transportpläne über drei getrennte Systeme, die täglich per Excel-Export synchronisiert wurden. Verzögerungen und Eingabefehler führten häufig zu Lieferverzögerungen und Strafzahlungen.
Nach der Kartierung der Flüsse und der Migration der Routing-Regeln in eine Open-Source-BPM-Engine implementierte das Unternehmen einen zentralen Orchestrator. Die Pläne werden nun in Echtzeit erstellt und Ausnahmesituationen automatisch behandelt, wodurch Vorfälle um 60 % reduziert wurden.
Dieses Projekt zeigt, dass eine klar definierte funktionale Schicht die operative Reaktionsfähigkeit erhöht, die Datenqualität sichert und eine skalierbare Basis für die Integration neuer Partner oder Services schafft.
Edana: Strategischer Digitalpartner in der Schweiz
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Applikative Schicht: Ökosystem rationalisieren und modernisieren
Die applikative Schicht umfasst die Softwareinventarisierung, die Aufteilung in Domänen und die Rationalisierung der Lösungen. Sie fördert modulare, skalierbare und sichere Bausteine, um technische Schulden zu minimieren.
Bestandsaufnahme und Klassifizierung der Anwendungen
Als erstes werden alle produktiven Anwendungen, Standardlösungen und maßgeschneiderte Entwicklungen erfasst, einschließlich ihrer Schnittstellen und ihres funktionalen Umfangs. Diese Applikationsdatenbank wird zum Governance-Referenzsystem der applikativen Schicht.
Jede Anwendung wird nach Kritikalität, Altersstatus und Wartungsaufwand klassifiziert. Dieses Ranking leitet die Rationalisierungsstrategie: Beibehalten, Refactoring, Ersatz oder Stilllegung.
Eine dynamische Karte, kombiniert mit Leistungs- und Sicherheitskennzahlen, ermöglicht es, Projekte pragmatisch zu steuern und zunächst die Komponenten mit größtem Hebel einzubeziehen.
Aufteilung nach Domänen und Microservices
Um die Komplexität zu begrenzen und die Weiterentwicklung zu erleichtern, segmentiert man das Ökosystem in Fachdomänen. Jede Domäne wird von einem Satz von Microservices oder dedizierten Anwendungen unterstützt, die über standardisierte Schnittstellen kommunizieren.
Dieser modulare Ansatz stärkt die Unabhängigkeit der Teams: Sie können ihre Services eigenständig bereitstellen und skalieren, ohne den IS-Kern zu beeinträchtigen. Außerdem erleichtert er den Einsatz von Open-Source-Lösungen und verhindert proprietäre Lock-ins.
Im Rahmen weiterer Iterationen werden CI/CD-Pipelines eingerichtet, um Tests, Deployments und Versionierung zu automatisieren – für gleichbleibende Qualität und schnelle Time-to-Market.
Beispiel aus der Fertigungsindustrie
Ein mittelständisches Industrieunternehmen verfügte über eine monolithische Eigenentwicklung zur Steuerung seiner Werkstätten und Bestände. Jeder Änderungsvorgang erforderte mehrere Wochen Testaufwand und Abstimmung zwischen den Teams.
Durch die schrittweise Extraktion von Planungs- und Qualitätssicherungsmodulen als Microservices wurden die Deployments von sechs Wochen auf weniger als zwei Tage verkürzt. Die Integration erfolgt über einen Open-Source-Enterprise Service Bus (ESB), der Nachrichtenpersistenz und Nachverfolgbarkeit gewährleistet.
Dieses Beispiel verdeutlicht, dass eine wohlüberlegte applikative Segmentierung in Verbindung mit einem Automatisierungspipeline schnelle Erfolge liefert und gleichzeitig die langfristige Weiterentwicklung des IS vorbereitet.
Vorteile eines urbanisierten IS
Die Urbanisierung des Informationssystems begegnet der Komplexität mit einem schrittweisen und strukturierten Vorgehen entlang vier komplementärer Schichten. Durch die Kartierung der Geschäftsprozesse, die Rationalisierung der funktionalen Flüsse, die Domänentrennung der Anwendungen und die Orchestrierung der Infrastruktur erhält man eine gemeinsame Sicht und sichert zukünftige Änderungen.
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