Zusammenfassung – Die Modernisierungsbestrebung treibt oft dazu, das IT-System in Microservices aufzubrechen, um Skalierbarkeit und Resilienz zu gewinnen, doch eine rein technische Aufteilung ohne klare fachliche Grenzen erzeugt einen „verteilten Monolithen“: unsichtbare Kopplungen, synchrone Abläufe, Kaskadenfehler und überdimensionierte CI/CD-Pipelines. Synchronisierte Deployments und ineffiziente Entwicklungszyklen ersticken die versprochene Agilität. Sie verlieren an Robustheit und Entwicklungsgeschwindigkeit.
Lösung: Einen modularen Monolithen nach Funktionsdomänen strukturieren, als ein einziges Artefakt bereitstellen, mit isolierten Datenschemata und klarer Governance, und dann schrittweise nur die wirklich kritischen Komponenten extrahieren.
In einem Kontext, in dem die Modernisierung von Informationssystemen als strategische Herausforderung gilt, erscheinen Mikroservices häufig wie die Wunderlösung. Skalierbarkeit, Resilienz, unabhängige Bereitstellungen – diese Versprechen begeistern IT-Leitungen und Fachbereiche. Dennoch stecken viele Projekte paradoxerweise in erhöhter Komplexität und wiederkehrenden Störungen fest.
Dieser Artikel beleuchtet das Anti-Pattern des „verteilten Monolithen“ und zeigt seine Ursachen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen auf. Wir erläutern, warum eine rein technische Zerlegung ohne fachliche Grundlage die versprochene Agilität in einen operativen Albtraum verwandelt. Anschließend stellen wir eine pragmatische Alternative vor: den modularen Monolithen, ein kontrollierter Rahmen, um in Ihrem eigenen Tempo zu wachsen.
Die Wurzeln des verteilten Monolithen
Der verteilte Monolith entsteht durch eine technische Zerlegung, die nicht den fachlichen Grenzen entspricht. Fehlen klare Domänengrenzen, wird jeder Service zu einem potenziellen Ausfallpunkt und zu einer Quelle unsichtbarer Abhängigkeiten.
Schlecht definierte Service-Grenzen
Wenn Sie Ihre Services ausschließlich nach technischen Kriterien gliedern, verpassen Sie die echten Fachdomänen. Eine Zerlegung ohne Analyse der Geschäftsprozesse führt zu Services, die ständig aufeinander angewiesen sind und trotz Distribution eine enge Kopplung erzeugen.
Diese unzureichende Aufteilung mündet in synchrone Aufrufketten zwischen Service-Cluster, die eigentlich isoliert sein sollten. Jede neue Funktion zieht Anpassungen in mehreren Services nach sich und bremst so die Gesamtentwicklung.
Fehlende fachliche Landkarten verschärfen das Problem: Teams sprechen nicht dieselbe Sprache, technische Begriffe verschleiern geteilte Funktionalitäten. Mit der Zeit häufen sich Abstimmungsrunden und die Entwicklungszyklen werden immer ineffizienter.
Funktionale Kopplung trotz Verteilung
Technisch sind die Services voneinander getrennt, funktional bleiben sie untrennbar. Häufig teilen sie sich Datenbanken oder nutzen unflexible API-Verträge, die jede Änderung blockieren. Die Komplexität verschiebt sich auf Infrastruktur und Betrieb.
Teams deployen oft mehrere Mikroservices gleichzeitig, um Daten- und Workflow-Kohärenz sicherzustellen.
Jeder Vorfall in einem Service löst einen Dominoeffekt im ganzen System aus. Der Betrieb überwacht dann nicht mehr einen einzelnen Monolithen, sondern ein ebenso fragiles verteiltes Ökosystem, in dem der Ausfall einer Komponente oder eine inkompatible Version das Gesamtsystem lahmlegen kann.
Beispiel: Technische Zerlegung ohne fachliche Reflexion
Ein mittelständisches Schweizer Fertigungsunternehmen hat seine alte ERP-Anwendung in weniger als sechs Monaten in zehn Mikroservices aufgeteilt. Die Teams folgten einem generischen Zerlegungsmodell, ohne jeden Service an einer klaren Fachdomäne auszurichten.
Ergebnis: Jeder Deployment-Vorgang erforderte Aktualisierungen in acht von zehn Services, um Daten- und Transaktionskonsistenz zu gewährleisten. Das Projekt bewies, dass eine rein technische Aufteilung zu einem verteilten Monolithen führt – ohne jegliche Autonomie für die Teams und mit über 30 % höheren Betriebskosten.
Operative und organisatorische Konsequenzen
Ein schlecht gestaltetes verteiltes System vereint die Nachteile von Monolith und Verteilung. Synchronisierte Deployments, Kaskadenfehler und langsame Weiterentwicklung sind die Folge.
Synchronisierte Deployments
Anstelle unabhängiger Releases koordinieren Teams Deployment-Wellen. Jede funktionale Änderung erfordert die Abstimmung mehrerer CI/CD-Pipelines und Betriebsteams.
Diese erzwungene Synchronisation verlängert Wartungsfenster, erhöht Ausfallzeiten und steigert das Risiko menschlicher Fehler. Verfahren werden schwerfällig, mit endlosen Checklisten vor jedem Go-Live.
Am Ende verwandelt sich die versprochene Agilität in Trägheit. Fachbereiche warten auf neue Funktionen, während die IT aus Angst vor größeren Vorfällen die Release-Frequenz drosselt.
Kaskadenfehler
Im verteilten Monolithen ist die Isolierung von Ausfällen eine Illusion. Ein synchroner Aufruf oder ein Fehler in einer gemeinsamen Datenbank kann alle Services lahmlegen.
Alarmmeldungen häufen sich, das Betriebsteam verliert Zeit bei der Ursachenfindung in einem komplexen Geflecht. Die Wiederherstellungszeiten verlängern sich, und die wahrgenommene Zuverlässigkeit des Systems sinkt drastisch.
Fehlen Architekturen zur Resilienz (Circuit Breaker, Timeouts, Isolation von Abhängigkeiten), multiplizieren sich die Schwachstellen und gefährden Benutzererfahrung und Vertrauen der Fachbereiche.
Beispiel: Auswirkungen auf eine Vertriebskette
Eine Schweizer Ladenkette migrierte ihre Lagerverwaltung auf eine Mikroservices-Architektur. Bestell-, Abrechnungs- und Reporting-Services teilten sich eine Datenbank, ohne Transaktionsisolation.
In einem Aktivitätshoch erreichte eine Versionsabweichung im Abrechnungsservice die Sättigung und machte Bestellungen stundenlang unmöglich. Dieser Ausfall zeigte, dass fachlich undifferenzierte Verteilung Dominoeffekte erzeugt und die Auswirkungen von Störungen erheblich verschärft.
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Organisatorischer Druck und entkoppelte Ziele
Die Migration zu Mikroservices wird mitunter zum Selbstzweck und rückt von den eigentlichen Produktanforderungen ab. Dieser Druck kann dazu führen, fachliche Analysen zu vernachlässigen und Anti-Pattern zu verstärken.
Mikroservices als Ziel statt Bedarf
Viele Organisationen legen KPIs wie „Anzahl der Services“ oder Meilensteine wie „Umstieg auf Distribution“ fest, ohne die Übereinstimmung mit der fachlichen Roadmap zu prüfen.
Architekturentscheidungen basieren dann eher auf Wettbewerbsbenchmarks oder generischen Empfehlungen als auf der Analyse spezifischer Anwendungsfälle und realer Systemlasten.
Das Risiko: Die Architektur wird zum Service-Katalog ohne fachlichen Zusammenhang, dessen Betrieb und Weiterentwicklung eine kostenintensive Querschnittsorganisation erfordern, ohne echten Nutzen für die Nutzer.
Fehlender Domain-Driven Design-Ansatz
Ohne DDD richten sich Services nicht an fachlichen Aggregaten aus. Es entstehen duplicierte Funktionen, schlecht verteilte Transaktionen und inkonsistente Datenhoheit.
DDD definiert abgegrenzte Kontexte und autonome Datenmodelle. Fehlt diese Disziplin, entwickelt jedes Team seine eigene Sicht auf die Domäne, was Kopplung und technische Schulden erhöht.
Das führt zu ständigen Rückkopplungen zwischen Fach- und IT-Teams, zu globalen Änderungen bei Fachfallanpassungen und zur Unfähigkeit, isoliert zu skalieren.
Beispiel: Plattform im Krankenhauswesen
Eine Schweizer Spitalgruppe führte mehrere Mikroservices ein, ohne die fachlichen Kontexte zu kartieren, was zu Doppelungen bei Terminverwaltung, Patientendossiers und Abrechnungen führte.
Am Ende mussten die Teams die Datenzugriffsschicht neu schreiben und die Services um drei klar definierte Kontexte gruppieren. Ein anfängliches Investment in DDD hätte diesen organisatorischen Kollaps und das aufwändige Refactoring vermieden.
Modularer Monolith: eine pragmatische Alternative
Bevor Sie in die verteilte Architektur starten, kann ein modularer Monolith Lesbarkeit bewahren und Komplexität reduzieren. Eine modulare Struktur entlang der Fachdomänen ermöglicht eine schrittweise und sichere Weiterentwicklung Ihres Systems.
Prinzipien des modularen Monolithen
Ein modularer Monolith gliedert den Code in klar abgegrenzte Module entlang der Fachdomänen, bleibt jedoch in einer einzigen Bereitstellungseinheit. Jedes Modul verfügt über eigene Verantwortungsbereiche und interne APIs.
Diese Herangehensweise minimiert zirkuläre Abhängigkeiten und erleichtert das Systemverständnis. Unit- und Integrationstests lassen sich unkompliziert implementieren, ohne verteilte Infrastruktur.
Der CI/CD-Prozess liefert ein einziges Artefakt aus, was Versionsverwaltung und Abstimmung zwischen Teams vereinfacht. Neue Module fügen Sie per Erweiterung des Monolithen hinzu, um Ihre Delivery industrietauglich zu gestalten, ohne Brüche oder komplexe Mehrfach-Service-Abstimmungen.
Code- und Daten-Governance
Im modularen Monolithen kann die Datenbank geteilt werden, doch jedes Modul erhält eigene Schemata oder Namensräume, um Konflikte oder großflächige Migrationen zu vermeiden.
Die Governance definiert Namenskonventionen, teamübergreifende Code-Reviews und eine klare Dokumentation der Modulgrenzen und Verantwortlichkeiten.
Langfristig ermöglicht der modulare Monolith, gezielt Module in eigenständige Services auszulagern, sobald der Bedarf wirklich entsteht, und so einen fundierten Übergang in die Distribution.
Beispiel: Schweizer Finanzinstitut
Ein großes Schweizer Finanzinstitut konsolidierte seine Fachanwendung zu einem modularen Monolithen, strukturiert nach fünf zentralen Funktionsbereichen. Die Module kommunizierten über einen internen Bus und nutzten eine segmentierte Datenbank.
Nach einigen Jahren extrahierten sie zwei kritische Module zu Mikroservices, basierend auf konkreten Kennzahlen zu Last und Skalierbarkeit.
Architektur neu denken: Modularität vor Distribution
Die Verlockung der Mikroservices sollte wohlüberlegt und durch echte Anwendungsfälle begründet sein. Der verteilte Monolith ist kein Schicksal: Investieren Sie lieber in fachliche Modularität, um Lesbarkeit, Performance und Kostenkontrolle zu wahren. Ein modularer Monolith bietet ein solides Lernfeld, bevor Sie den Sprung in die Distribution wagen.
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