Zusammenfassung – teilweises Fachwissen und herkömmliche Workshops führen oft zu schlecht abgestimmten digitalen Produkten mit ausuferndem Projektumfang und versteckten Mehrkosten.
Event Storming kartiert reale Ereignisse, deckt Reibungspunkte und uneinheitliche Terminologien auf, definiert Aggregate, Policies und Bounded Contexts und bindet alle Stakeholder ein.
Diese visuelle Methode synchronisiert Fachbereich und IT, sichert die Governance und macht Architekturentscheidungen transparent.
Lösung: Moderiertes Event Storming organisieren, um einen gemeinsamen und anpassungsfähigen Rahmen zu schaffen.
In vielen Softwareprojekten liegt die Herausforderung nicht in der Wahl der Technologien oder der Codequalität, sondern in unvollständigem Wissen über die zu digitalisierenden Geschäftsprozesse. Allzu oft liefern traditionelle Workshops Ideen, ohne eine praxisnahe und gemeinsame Vision des tatsächlichen Organisationsablaufs zu schaffen. Gerade in dieser Frühphase der Projektdefinition entfaltet Event Storming seine volle strategische Kraft.
Diese von Alberto Brandolini entwickelte kollaborative Methode setzt auf die Analyse vergangener Ereignisse, um Geschäftsprozesse zu kartieren, Unsicherheitsbereiche zu identifizieren und gemeinsam die Grundlagen für eine kohärente und skalierbare Architektur zu legen. Indem sie das Fachwissen in den Mittelpunkt stellt, verwandelt Event Storming jeden Workshop in einen langfristigen Alignierungsmechanismus zwischen Entscheidungsträgern, Fachexperten und IT-Teams.
Warum Event Storming unerlässlich ist, um Projektabweichungen zu vermeiden
Event Storming stellt technische Annahmen der Realität der Geschäftsabläufe gegenüber, um Inkonsistenzen bereits zu Projektbeginn aufzudecken. Sein ereignisbasierter Ansatz fördert ein gemeinsames Prozessverständnis und minimiert deutlich das Risiko späterer Missverständnisse.
Eine Schweizer Kantonalbank hat kürzlich einen Event-Storming-Workshop durchgeführt, um ihre Online-Abschlussstrecke zu digitalisieren. Dieser Ansatz brachte mehrere regulatorische Ausnahmen und implizite Managemententscheidungen ans Licht und zeigte, dass ein klassisches Kick-off-Meeting diese Abhängigkeiten niemals aufgedeckt hätte. Dank dieser Erkenntnisse konnte der Projektumfang sofort angepasst und monatelange fehlgeleitete Entwicklungsarbeit vermieden werden, indem ein IT-Pflichtenheft definiert wurde.
Schlüsselgeschäftsereignisse identifizieren
Im ersten Schritt werden alle vergangenen Ereignisse aufgelistet, die den zu modellierenden Prozess kennzeichnen. Jedes Ereignis sollte in der Vergangenheitsform formuliert sein, beispielsweise „Bestellung validiert“ oder „Rechnung erzeugt“, um sich auf tatsächlich beobachtete Fakten statt auf angenommene Anforderungen zu fokussieren.
Bei einem Lagerverwaltungsvorhaben ermöglichte die Aufnahme des Ereignisses „Wareneingang verbucht“ die sofortige Integration der Qualitätskontrollverfahren in den digitalisierten Workflow.
Durch die genaue Benennung dieser Ereignisse stellen die Teams häufig unterschiedliche Terminologien zwischen den Abteilungen fest, was Verständnislücken offenlegt, die unbeachtet zu einer Software geführt hätten, die nicht der betrieblichen Realität entspricht.
Alle Stakeholder einbeziehen
Der Workshop bringt Fachverantwortliche, Analysten, Entwickler und Entscheidungsträger an ein und dasselbe Board. Diese bereichsübergreifende Zusammenarbeit ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass jede Perspektive gehört und bestätigt wird.
Dieses gemeinsame Vorgehen trägt dazu bei, Silos abzubauen, ein Vertrauensklima zu schaffen und die Basis für künftige Entscheidungen zu legen – insbesondere in Fragen der Verantwortlichkeit und Eskalation – durch eine IT-Projektgovernance.
Reibungspunkte aufdecken
Wenn die Ereignisse chronologisch durchgegangen werden, offenbaren sich Bereiche, in denen informelle Entscheidungen oder Ausnahmen den regulären Ablauf stören. Diese Reibungspunkte sind häufig verantwortlich für zusätzliche Bearbeitungszeiten oder manuelle Umgehungslösungen.
Beispielsweise stellte ein E-Commerce-Unternehmen fest, dass die Freigabe eines Lieferscheins manchmal mehrere physische Validierungsketten durchlief und so Verzögerungen von bis zu zwei Tagen verursachte. Diese Situation machte deutlich, wie wichtig eine vorausschauende Rücksendungsabwicklung im E-Commerce ist.
Die Identifikation dieser Reibungspunkte ermöglicht es, bereits zu Beginn Eskalations- und Validierungsmechanismen zu integrieren und so zu verhindern, dass die Automatisierung neue Blockaden erzeugt.
Ablauf eines Event-Storming-Workshops Schritt für Schritt
Der Workshop gliedert sich in klar definierte Phasen: Vorbereitung, Ereigniserfassung, Modellierung der Aggregate und Festlegung der Regeln. Jede Phase basiert auf unmittelbar sichtbaren Arbeitsergebnissen, die ein transparentes Tracking und eine kontinuierliche Abstimmung sicherstellen.
Vorbereitung und initiale Abgrenzung
Vor dem Workshop sollten die Ziele, der funktionale Umfang und das erwartete Detaillierungsniveau festgelegt werden. Diese Vorbereitung umfasst die Erstellung einer ersten Liste von Geschäftsereignissen, die von den Fachexperten identifiziert wurden.
Die Rolle des Moderators ist entscheidend, um den Arbeitsumfang zu klären, einen geeigneten Raum auszuwählen und die visuellen Hilfsmittel vorzubereiten (Wände mit Flipcharts, farbige Post-its). Eine präzise Rahmenabstimmung verhindert Abweichungen und stellt die effektive Nutzung der gemeinsamen Zeit sicher.
Im Beispiel des KMU ermöglichte diese Abstimmungsphase, nicht prioritäre Aspekte von vornherein auszuschließen, etwa die detaillierte Archivierung alter Fertigungsaufträge, die den Prozess unnötig verkompliziert hätte.
Erfassung und Strukturierung der Ereignisse
Die Teilnehmer platzieren nach und nach die Post-its mit den identifizierten Ereignissen auf der Zeitachse. Jedes neue Ereignis wird gemeinsam hinterfragt, um seine Relevanz und Formulierung zu prüfen.
Diese Explorationsphase deckt oft fehlende Elemente oder terminologische Unstimmigkeiten auf. Sie ermöglicht auch das Zusammenfassen oder Aufteilen bestimmter Ereignisse, um die Übersichtlichkeit zu erhöhen.
Als das KMU seinen Beschaffungsprozess dokumentierte, veränderte die nachträgliche Aufnahme des Ereignisses „Lieferantenkonformitätsprüfung“ die gesamte Validierungsabfolge und verdeutlichte so die Bedeutung der Einbeziehung aller beteiligten Akteure.
Definition der Aggregate und Regeln
Sobald die Ereignisse validiert sind, identifiziert der Workshop die Aggregate: die Entitäten, die für die Konsistenz der Geschäftsdaten verantwortlich sind (beispielsweise „Bestellung“, „Kunde“ oder „Artikel“).
Parallel dazu werden Policies bzw. Geschäftsregeln (auslösende Ereignisse, Bedingungen für Weiterleitungen) in Form von Pfeilen oder farbigen Post-its platziert.
Diese Arbeit verwandelt die Zeitachse in ein erstes Gerüst für die DDD-Modellierung (Domain-driven Design), auf dem die nachfolgenden Architekturentscheidungen aufbauen können.
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Abgrenzung der Kontexte für eine kohärente Architektur
Event Storming erleichtert die natürliche Abgrenzung funktionaler Kontexte und verhindert rein technische Partitionierungen. Diese Grenzen, die nach fachlichen Kriterien gezogen werden, leiten die Entscheidung zwischen modularen Monolithen und ereignisgesteuerten Microservices.
Die fachlichen Grenzen verstehen
Jeder abgegrenzte Kontext entspricht einer Reihe zusammenhängender Aufgaben innerhalb desselben Fachgebiets. Im Workshop werden Ereignisse und zugehörige Verantwortlichkeiten gegenübergestellt, um diese Bereiche zu definieren.
In diesem Schritt werden die Teilnehmer zu den Datenflüssen befragt, die die Grenzen durchqueren, sowie zu möglichen Redundanzen. Ziel ist es, die Bereiche zu isolieren, die unabhängig voneinander weiterentwickelt werden können.
Diese klare Trennung zwischen „Auftragsvorbereitung“ und „Lieferverfolgung“ ermöglichte kürzere Bereitstellungszyklen für jedes Modul.
Kontextgrenzen visualisieren
Mithilfe unterschiedlicher Farben oder grafischer Markierungen werden die funktionalen Bereiche auf der Event-Storming-Karte sichtbar gemacht. Diese Visualisierung bildet die Grundlage der Architekturdokumentation.
Die so erzeugten Abgrenzungen sind nicht statisch, sondern entwickeln sich im Laufe des Projekts bei Design-Reviews weiter. Sie liefern jedoch eine erste Orientierung für die Verteilung technischer Verantwortlichkeiten.
Architekturentscheidungen steuern
Mit den definierten Kontexten lässt sich beurteilen, ob ein modularer Monolith, ein Microservices-Ansatz oder eine ereignisgesteuerte Gesamtarchitektur am besten geeignet ist.
Entscheidungsgrundlage sind fachliche Kriterien (Ereignisvolumen, Unabhängigkeit der Lebenszyklen, Skalierbarkeitsanforderungen), um das am besten geeignete Modell zu ermitteln.
In unserem Beispiel rechtfertigte die hohe Unabhängigkeit der Module eine Microservices-Architektur, die eine höhere operative Resilienz und eine speziell auf saisonale Lastspitzen ausgelegte Skalierbarkeit bietet.
Die menschlichen und organisatorischen Vorteile von Event Storming
Event Storming stärkt den Zusammenhalt zwischen Fachabteilungen und IT, indem es Prozesse und Entscheidungen sichtbar macht. Es etabliert eine Kultur kontinuierlicher Zusammenarbeit, in der jede Entscheidung dokumentiert und geteilt wird.
Abstimmung und Engagement der Teams
Die aktive Teilnahme aller Rollen – vom Sponsor bis zum Entwickler – fördert ein Verantwortungsgefühl und verringert Widerstände gegenüber Veränderungen. Jeder erkennt sich in der Modellierung wieder und engagiert sich leichter in der Umsetzungsphase.
Entscheidungssicherheit und Risikominimierung
Da jedes Ereignis und jede Regel visuell festgehalten wird, sind Priorisierungs- und Entscheidungsprozesse dokumentiert und später nachvollziehbar. Dies sichert die Projektsteuerung ab und minimiert Abweichungsrisiken.
Stärkung der bereichsübergreifenden Zusammenarbeit
Event Storming schafft eine gemeinsame Sprache ohne technischen Jargon, in der jeder Beteiligte zur Systemkartografie beitragen und sie verstehen kann. Diese Praxis fördert bereichsübergreifende Zusammenarbeit und lässt sich in künftigen Entwicklungsphasen wiederholen.
Die Methode erleichtert auch das Onboarding neuer Mitarbeitender, da sie schnell einen Gesamtüberblick über das Projekt gewinnen, ohne umfangreiche und zeitaufwändige Dokumentationen durcharbeiten zu müssen.
Bringen Sie Klarheit in Ihr Digitalprojekt mit Event Storming
Event Storming ist ein Hebel für kollektive Klarheit, indem es die Fachdomäne in den Mittelpunkt der Projektplanung rückt. Durch die Identifikation realer Ereignisse, die Abgrenzung der Kontexte und die Einbindung aller Stakeholder reduziert dieser Ansatz maßgeblich das Risiko von Missverständnissen und fehlgeleiteter Entwicklung.
Die Vorteile reichen über die Technik hinaus: Menschliche Abstimmung, Entscheidungssicherheit und organisationale Agilität sind entscheidende Faktoren, um den Erfolg und die Nachhaltigkeit der implementierten Lösung sicherzustellen.
Egal, ob Ihr Projekt eine maßgeschneiderte Business-Software, eine Anwendungsüberholung oder eine verteilte Plattform betrifft – unsere Expertinnen und Experten stehen Ihnen zur Seite, um einen Event-Storming-Workshop zu Ihrem Kontext zu orchestrieren und gemeinsam die Basis für eine erfolgreiche digitale Transformation zu legen.
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